Kurze Geschichte des Wendlands

Über die Frühgeschichte des Wendlandes ist nicht viel bekannt, da schriftliche Erwähnungen bis hierher fehlen. So schließt man aus der politischen Gesamtlage und, wichtiger noch, aus archäologischen Erkenntnissen auf die Zustände in der Region zu jener Zeit.


Der Begriff des Wendlandes wurde im Jahre 1705 durch Christian Hennigs eingeführt, der sich als einer der ersten intensiv mit der damals gerade verblühenden slawischen Kultur im Wendland beschäftigte.

 

In alter Zeit

Als im vierten Jahrhundert nach Christus die Völkerwanderung ihren Lauf nahm, zogen slawische Stämme aus dem Osten, vor allem aus der heutigen Ukraine, nach Westen. Im siebten Jahrhundert besiedelten diese Stämme den Norden des heutigen Deutschland. In der Region des heutigen Wendlandes siedelte der Stamm der Drewanen, deren Name sich von der bewaldeten Region ableitet, in der sie lebten.

Die Siedlungen entstanden vor allem in der Nähe von frühen Wallburgen, aber auch im Gelände. Die Slawen bauten kleine Dörfer aus Blockhäusern, die in der Anfangszeit noch als Grubenhäuser ausgefährt waren. Gegen Ende des achten Jahrhunderts war das Frankenreich Karls des Großen soweit aufgebaut, dass es an die Elbe stieß; die folgende fränkische Landnahme änderte aber nichts am lokalen Machtgefüge slawischer Fürsten, die nach jener Zeit die ersten Burgen etwa in Dannenberg, Clenze, Hitzacker und anderswo zu bauen begannen (9./10. Jht.) Bis zur Herrschaft Otto des Großen blieb die slawische Region gleichsam autonom, dann jedoch versuchte Otto, die Grenzen zu stabilisieren und wahrscheinlich auch, die Machthaber auszutauschen, was 983 in einen sog. Slawenaufstand mündete (1). Dieser scheiterte zwar, andererseits war auch die Stabilisierung der östlichen Grenze des Frankenreichs verhindert worden.

Das Wendland blieb allerdings bei all diesen Vorgängen in einer Nebenlage; es gibt kaum Anzeichen dafür, dass das Wendland Objekt oder Ort kriegerischer Handlungen war. Dichter Wald und dünne Besiedlung kennzeichneten die Region.

 

Ostkolonisation und Rundlingsdörfer


Mit Beginn der planmäßigen Ostkolonisation um 1150, etwa zur gleichen Zeit wie die ersten Kreuzzüge, wurde eine Verwaltungsstruktur des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation eingeführt, planmäßige Siedlungen angelegt und Bevölkerung angesiedelt. Dies waren, so vermutet man, ebenfalls Slawen, die aus anderen, bisher eher aufständischen Regionen (Wendenkriege) gleichsam deportiert wurden. Daneben gab es auch mittelhochdeutschsprachige Siedler.

Erst zu dieser Zeit entstanden die Rundlingsdörfer. Wolfgang Meibeyer ist der Ansicht, dass die Planung der Dörfer als Rundlinge durchaus nichts weiter war als eine Modeerscheinung, denn nichts lässt auf einen klaren Zweck der kreisförmigen Anlage schließen. Bei der Besiedlung der Elbtalaue 1160 plante man bereits Straßendörfer (wie etwa Langendorf).

 

Christentum und wendische Kultur

Nach der Ansiedlung und der damit verbundenen Dorfanlage und Landverteilung geschah die Christianisierung. Auch heute noch ist bei Rundlingsdörfern die abseitige Lage der Kirchen auffällig. Kirchen bekamen i.A. auch kein Land, da bereits alles aufgeteilt war.

Trotz der Einführung des Christentums hielten sich slawische Kultur und Sprache (Dravänopolabisch im Wendland) noch bis ins 18. Jht. hinein. Als Minderheit wurden die Wenden teilweise ob ihrer versteckten geografischen Lage entweder nicht wahrgenommen oder aber unterdrückt (2). Wegen der so stetig zunehmenden Bevölkerung wurden Höfe und Flur am Ende des 15. Jahrhunderts geteilt.

Randlage über Jahrhunderte hinweg

Mit Beginn des Flachsanbaus im 17. Jahrhunderts, der dem Wendland einigen Wohlstand brachte, setzte eine wenn auch nicht nachhaltige Entwicklung zu gesteigertem Handel und Wohlstand ein. Zwischen 1800 und 1850 fand eine Landreform statt, welche die durch Teilungen immer kleiner gewordenen Ackerflächen neu gruppierte.

Slawen siedelten im ganzen nordöstlichen Raum Deutschlands. Dies hat allerdings mit Rundlingsdörfern wenig zu tun, denn diese waren Plansiedlungen der deutschen Kolonisatoren. Einzig die geografische Randlage des Wendlandes bewirkte die Langsamkeit seiner Entwicklung, damit jedoch auch den Erhalt alter Siedlungsformen.

 

Jüngere Geschichte


Die jüngere Geschichte des Wendlandes wird von der deutsch-deutschen Teilung gepägt. Die unmittelbare Nähe zum Ostblock hinter dem eisernen Vorhang an zwei langen Seiten seiner Grenzen machte die Region zu einem zipfelartigen Randgebiet, das sehr schnell in vielerlei Hinsicht in Vergessenheit geriet. Wirtschaftlich konnte die Region nur mit erhelblichen Subventionen (Grüner Plan) dem ökonomischen Fortschritt der westlichen Welt standhalten. Das Wirtschaftswunder Ludwig Erhards rauscht in den 60er und 70er Jahren am Wendland vorbei. Zurück blieb eine stille Landschaft mit armer und zunehmend überalterter Bevölkerung. Die junge Generation zog in westl. Regionen.

Erst Ende der 70er Jahre entdeckten Menschen aus den Städten das Wendland und seine natürliche Landschaft zur Erholung.

Zeitgleich beginnt mit dem zunächst als Atommüll-Endlager und Wiederaufbereitungsanlage geplanten Standort Gorleben ein neuer Zeitabschnitt im Wendland. Neue Menschen kommen ins Land. Die Anti-Atomkraftbewegung findet hier im Wendland um Gorleben einer seiner Geburtstätten.

 

Gegenwart

Heute wird das Wendland einerseits durch die Rundlingsdörfer inmitten einzigartig erhaltener Flora und Fauna in einer kleinzelligen Kulturlandschaft wahrgenommen.

Anderseits ist das Wendland durch die politische Arbeit um Gorleben und die Gefahren der Atomkraft zu einer Vorreiterregion in ökologischen Fragen geworden.

Drittens schließlich bietet der Landstrich mit den verschiedensten Bevölkerungsgruppen eine Vielzahl von kulturellen Angeboten die zusammen mit dem sanften Tourismus den hier lebenden Menschen und den Gästen ein ganz besonderes Lebensgefühl vermitteln.

 

 

 


Autoren: Arion und Friedemann Neddens

1Natürlich gab es zu jener Zeit noch keine deutsche Nation, wie sie mit dem Begriff "deutsch" heute assoziiert wird. Dennoch wird in der Literatur häufig von 'Deutschen' gegen 'Slawen' gesprochen.

2Im 14. Jht. wurde vielerorts im Osten der Wendenparagraf eingeführt, der regional unterschiedlich Sprach- oder Ausbildungsverbote für Wenden bestimmte und den Zug in die Städte verbot.

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