Glossar

  • Abbauer/Anbauer
    waren Hinzugezogene, die kleine Häuser, meist am Dorfrand, besaßen und ohne Land sowie ohne Anrecht auf Nutzung der Allmende lebten. Sie kamen inzuge größerer Mobilität anfang des neunzehnten Jahrhunderts auf, als andererseits noch spätfeudale soziale Strukturen in den Dörfern herrschten. In der Hierarchie der Dorfgesellschaft nahmen sie die untersten Plätze ein, mangels Land waren sie Krämer, Handwerker, Tagelöhner und dergleichen. Anbauer bewohnten Katen auf Gemeingrund, während Abbauer auf privatem Boden wohnten.
  • Allmende (mhdt. 'allen gemein')
    Die Allmende ist Grundeigentum, welches nicht im Besitz einzelner, sondern der Dorfgemeinschaft ist. Im Wendland stellte sie meist Land für neue, nicht durch Teilungen entstandene Hofstellen (Kossater, Kirchen).
  • Brinksitzer
    Brinksitzer waren Bewohner einer sehr kleinen Hofstelle, eventuell mit Garten, aber ohne Land und Beteiligung an der Allmende. Sie sind ab Ende des Dreißgjährigen Krieges belegt. Ihre Hofstellen befinden sich fast immer am Ortsrand. Brinksitzer waren wohl meist Handwerker.
  • Dorfschulze
    Seit dem Mittelalter der Chef einer Siedlungsgemeinschaft sowie ihr Vertreter vor feudalen Herren. In heutiger Zeit gibt es die Ortsvorsteher, die den früheren Schulzen enstprechen.
  • Dravänopolabisch (auch Polabisch, Dravänopolabisch zur Eingrenzung der Region)
    Linguistische Bezeichnung für den wendischen Dialekt, der bis ins 18. Jht. von den Nachfahren der westslawischen Stämme im Nordosten des heutigen Deutschlands gesprochen wurde, Dravänopolabisch also speziell im Wendland. Eine Ähnlichkeit besteht mit dem Sorbischen, das heute noch in der Lausitz gehört werden kann. Durch die getrennte Entwicklung jedoch hat das Dravänopolabische eine isolierte Entwicklung genommen und ist durch Assimilierungsprozesse schließlich ausgestorben.

    Der Pfarrer Christian Hennig aus Wustrow schrieb Anfang des 18. Jhts. den dravänopolabischen Wortlaut des Vaterunsers nieder:

    Nôsse Wader, ta toy giss wa Nebisgáy, Sjungta woarda tügí geima, tia Rîk komma, tia Willia schinyôt, kak wa Nebisgáy; tok kak no Sime, nôssi wisse danneisna Stgeiba doy nam dâns un wittedoy nam nôsse Ggrêch, kak moy wittedoyime nôssem grêsmarim, ni bringoy nôs ka warsikónye, tay lösoáy Nôs wit wissókak, Amen.


    Weitere wichtige Aufzeichnungen stammen von Johann Parum Schultze. Das Dravänopolabische hat nie eine eigene Schriftsprache entwickelt. Die letzte Sprecherin starb laut Kirchenbuch 1756, im Alter von 88 Jahren. Eine umfangreiche und sehr liebevolle Darstellung zum Polabischen findet sich hier.
  • Geest
    Die Geest ist ein norddeutscher Landschaftstyp, der höher liegt als die Marsch, die Niederung, und demzufolge trockener ist. Geest und Marsch spielten in der Besiedlungsgeschichte eine Rolle, da die höher gelegene Geest mehr Schutz bot (vor Wetter oder Feinden), allerdings erkaufte man sich diesen Schutz durch schlechteres Ackerland.
  • Güsteneitz
    Land, das in einem Rundling dem Hof gegenüber dem Ortseingang zugeschlagen wurde. Hier wohnte der Dorfschulze.
  • Hufe
    Altes (urspr. fränkisches) Maß für die Land- oder Ertragsfläche, die für eine Familie zur Ernährung und für Abgaben ausreicht. Eine Hufe entsprach im preußischen Wendland etwa einer Fläche von 16 bis 17 Hektar. Desweiteren bezeichnet der Begriff die Gesamtheit des bäuerlichen Besitztums, wie Ackerland, Wiesen, Vieh usw.
  • Hufner
    Bezeichnung für eine zu einer Hufe gehörende Hofstelle. Man unterscheidet Vollhufner, Halbhufner, Viertelhufner usf. Letztere sind durch Teilungen entstanden.
  • Kossater (Kot - Kate, lat. sedere - sitzen/siedeln)
    Kossater sind hinzugezogene, landarme Bauern und Knechte, die ab dem 15. Jht. kleine Hofstellen an einer Öffnungsseite des hufeisenförmigen Rundlings bekamen. Die Katen der Kossater sind kleiner, vor allem aber ist die Hofgröße begrenzt.
  • Kulturelle Landpartie
    Kulturelle Veranstaltung, die vor allem in den Dörfern des südwestlichen Landkreises Lüchow-Dannenberg von Himmelfahrt bis Pfingsten stattfindet. Ausstellt werden vor allem Malerei und Objekte, Konzerte, Lesungen und andere Veranstaltungen bilden den Rahmen. Hervorgangen aus den Wunde.r.punkten, ist die KLP auch heute noch als Protest gegen ein atomares Endlager in Gorleben gedacht.
  • Kreuzbaum
    Bis die Kirche dies Treiben um 1700 unterband, errichteten die Bewohner in vielen wendländischen Dörfern Kreuzbäume. Dies geschah zu Mariä Himmelfahrt im August, man ließ Ochsen einen rechteckig behauenen Eichenstamm ins Dorf ziehen, richtete diesen auf mit einem Querholz obenan und Wetterhahn, und tanzte drumherum. Ebenso gab es einen Kronebaum, für die Damen. [1]
  • Milchbank
    Früher wurden nach dem Melken die Milchkannen auf die Milchbank gestellt, um von dort weitertransportiert zu werden. Die Milchbank ist ein grober Holztisch in der Mitte eines Rundlings und vielerorts (Satemin, Mammoißel etc.) noch erhalten, wenngleich es nur noch wenig Landwirtschaft gibt und die größeren Milchmengen je Hof nicht mehr in Milchkannen transportiert werden.   
  • Parum Schultze, Johann
    Johann Parum Schultze (1677 bis 1740) lebte als Bauer, Gastwirt und Dorfschulze in Süthen im Hannoverschen Wendland und kann mit seinen Schriften als ein wichtiger Chronist der bereits damals im Aussterben begriffenen wendischen Sprache angesehen werden. In seiner Chronik des Wendlands beschreibt er Alltagskultur des bäuerlichen Lebens seiner Zeit, zwar auf Deutsch, aber mit einigen wendischen Einflüssen. Vor allem jedoch fügte er eine Wörtersammlung des Wendischen hinzu, im Bewusstsein:

    Wenn mit mir und denn noch drey Personen es vorbey ist in unserem Dorf, alsdann wird wohl niemand recht wissen, wie ein Hund auf Wendisch genannt wirdt.

    Literatur:

    • Johann Parum Schultze; Reinhold Olesch (Hrsg.): Fontes linguae Dravaenopolabicae minores et Chronica Venedica J. P. Schultzii. (= Slavistische Forschungen; Band 7). Böhlau, Köln und Graz 1967
    • Johann Parum Schultze; Karl Kowalewski (Hrsg.): Die Wendland Chronik des Dorfschulzen Johann Parum Schultze aus Süthen, geschrieben in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. AJB-Verlag Lüchow 1991 (ISBN 3-928117-02-5)


    Das Zweiständerhaus, in dem Johann Parum Schultze sein Leben verbrachte, wurde 1987 in das Museumsdorf Lübeln versetzt. Hund heißt auf Wendisch übrigens pjas.
  • Verkoppelung
    Mit Verkoppelung wird allgemein die Flurbereinigung der Neuzeit, im engeren Sinn die mit der Säkularisierung stattfindende Reform des frühen 19. Jahrhunderts bezeichnet. Mit ihr wurden Äcker, Wiesen und Wälder zusammengefasst und neu aufgeteilt, Allmenden auf Berechtigte verteilt und Mischnutzungen durch verschiedene Dörfer beendet. Die sehr kleinparzellige Ackernutzung des Mittelalters wurde hiermit beendet und gleichzeitig an neue, postfeudale soziale Strukturen angepasst.
  • Wenden (von lat. Venedi, Weichselslawen)
    In der antiken Geschichtsschreibung wurden die slawischen Völker im Bereich der Weichsel Veneter genannt. Diese bewegten sich im Zuge der Völkerwanderung nach Westen und bildeten Volksgruppen im nordgermanischen resp. Ostseeraum. Im Wendland wurden sie (d.h. der Stamm Dravenen, auch Drevanen) im 11./12. Jht. christianisiert, eigene Sprache und Kultur hielten sich jedoch bis in 19. Jht.

    Viele Ortsnamen im Wendland sind slawischen Ursprungs (insb. die mit der Endung '-ow), an die wendische Sprache erinnert heute in der Lausitz das Sorbische. Hinweise auf wendische Urbevölkerung finden sich auch in deutschen Bezeichnungen wie Wendisch Evern u.a. In Österreich ist das Adjektiv windisch eine (leider eher abwertende) Bezeichnung für slawische Nachbarn. Siehe Artikel auf Wikipedia.
  • Wüstung
    bezeichnet die Aufgabe eines Ortes infolge von Krieg, Seuchen oder anders verursachtem Bevölkerungsrückgang. An den aufgegebenen Ort erinnern in der Folge und bis zur Neuzeit nur noch Flurnamen, zeitgeössische Urkunden etc. Im Wendland sind viele Wüstungen bekannt, wie im Kontext der Rundlingsdörfer etwa Klein Satemin (Prilep) oder Brese (Güstritz)